Natalija Jurkovic-Brandauer

Rahmenthemen: Wirkung der Gestaltgesetze in der Psychotherapie

Wirkung und Auswirkung der Prägnanztendenz im psychotherapeutischen Arbeitsfeld

Natalija Jurkovic-Brandauer, Eleonore Tanzer, Nina Hannemann

Abstract

Der vorliegende Beitrag setzt sich sowohl aus theoretischer als auch aus praxisrelevanter bzw. psychotherapeutischer Ebene mit der "Tendenz zur guten Gestalt " auseinander. Das Menschenbild der Gestalttheorie geht davon aus, dass es im Individuum innewohnende Kräfte gibt, die als Prägnanztendenz bezeichnet werden. Im ersten Teil steht die theoretische Auseinandersetzung mit der "Tendenz zur guten Gestalt" im Fokus. Im zweiten Teil wird anhand einer Fallvignette einer Klientin mit wiederkehrenden psychotischen Zuständen, die praxisrelevante Auswirkung der Prägnanztendenz aus gestalttheoretisch-psychotherapeutischer Sicht beleuchtet und diskutiert. Es wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung diese uns innewohnende Kraft auf das psychotherapeutische Handeln hat und welche Bedingungen sich daraus für die Psychotherapie ergeben.

 

Prägnaztendenz

Die dem Menschenbild der Gestalttheorie zugrunde liegende “Tendenz zur guten Gestalt” wurde 1975 als die nicht-atomistische Wahrnehmungslehre noch in den Kinderschuhen stand entdeckt. Sowohl die Bezeichnung "Prägnanztendenz" als auch die "Tendenz zur guten Gestalt" beschreiben ein und dieselbe Sache und sind somit gleichbedeutend.(vgl. Metzger, 1986,146) Diesem Phänomen zugrundeliegende gestalttheoretische Erkenntnis besagt, dass die Teile, aus denen der Mensch, seine Umwelt sowie das menschliche Erleben bestehen immer in einem spezifischen Zusammenhang zueinanderstehen. Dieses Zueinander ist abhängig von der jeweiligen Struktur und Beschaffenheit der Teile und führt in weiterer Folge zu einer bestimmten Dynamik, welche sich zum Beispiel in Bewegung oder Spannung zeigt. Das hier beschriebene Phänomen, das "Zueinander der Teile" ist grundlegend für die Bildung und Organisation von Gestalten und deren Eigenschaften.

Die Tendenz zur guten Gestalt ist ausdifferenziert in eine Vielzahl von Gestaltfaktoren, wie zum Beispiel der Faktor der Nähe oder der Geschlossenheit. In der menschlichen Wahrnehmung zeigt sich die Prägnanztendenz vor allem in zwei Phänomenen. Einerseits schließt der Mensch Bereiche seines Erlebens mit ähnlichem sachlichen Inhalt zu einer ausgezeichneten Gesamtgestalt zusammen. Z.B.:In Stereotypen Denkmustern wie "Frauen können nicht Auto fahren", "Anwälte sind allesamt Halsabschneider" findet sich der Gesetz der Nähe wieder. Andererseits neigt der Mensch dazu unvollkommenes zu vervollständigen,wobei er sich von einer möglichen, “im Material angelegten” guten Gestalt leiten lässt. Ein Beispiel wäre das offene Ende einer Geschichte, welches oftmals unbefriedigend wirkt, fehlende Informationen werden gedanklich ergänzt.(vgl. Walter ,1996,38-39)

Grundsätzlich kann gesagt werden "Die Tendenz zur Guten Gestalt“ oder auch Prägnanztendenz ist ein selbstorganisatorisches Prinzip. Dieser jedem Individuum innewohnende Tendenz verdanken wir es, dass wir uns in unserer Welt überhaupt zurechtfinden. Erst durch sie ist uns eine konstante Wahrnehmung von Gegenständen möglich.(vgl. Zabransky,2018, 139-140). Der Prägnanztendenz verdanken wir es, dass wir kein Durcheinander verschiedenster Einzelempfindungen erleben, sondern Ordnungen, Strukturen oder “Gestalten”. Christian von Ehrenfels beschrieb die Gestaltqualitäten am Beispiel der Melodie.

Metzger beschreibt die Tendenz zur guten Gestalt als den tief in uns angelegten Drang, Gestörtes in Ordnung zu bringen und bei Unentwickeltem Geburtshelfer zu sein, dies kann psychotherapeutisch genutzt werden.

Die gestalttheoretische Psychotherapie geht davon aus, dass die im Menschen innewohnende, selbstregulative Kräfte, ihm ermöglichen sein inneres Gleichgewicht ohne äußere Einwirkung wieder herzustellen. Jedoch kann diese Fähigkeit z.B. durch Barrieren im Lebensraum gestört sein oder es kann zu einer Fehlleitung kommen.

So können zum Beispiel schizophrene Erscheinungsformen, ein für die KlientInnen in ihrem momentanen Lebensraum die einzig mögliche Art und Weise sein weiterzuleben und somit das bestmögliche Gleichgewicht darstellen.

Auch wenn die Tendenz zur guten Gestalt das “bestmögliche” Gleichgewicht anstrebt, kann dies bedeuten, dass dieser Gleichgewichtszustand mit Problemen und Leid verbunden ist.

 

Zur Veranschaulichung dient die folgende Fallvignette:

Eine 37jährige Frau (Frau A.) wird zum dritten Mal mit der Diagnose „akute Psychose“ in die Akutabteilung einer psychiatrischen Klinik aufgenommen, vor vier Jahren das erste Mal. Bei den beiden Aufenthalten davor wurde sie mit Medikamenten versorgt, und konnte nach sieben Tagen wieder entlassen werden, sie machte damals keine Psychotherapie.

Die sozialen Bedingungen von Frau A. zeigen sich wie folgt:

Frau A. lebt seit 16 Jahren mit ihrem Lebensgefährten zusammen, seit 6 Jahren ist das Paar verheiratet. Der Beziehung entstammen 3 Kinder im Alter von 9,11 und 13 Jahren. Sie beschreibt ihre Ehe als „unterstützend“. Frau A. ist Lehrerin an einer Sonderschule, ihr Beruf sei eine große Ressource für sie, dennoch denkt sie über eine Stundenreduktion nach.

Die erste psychotische Symptomatik sei vor 7 Jahren aufgetreten, als das jüngste Kind zwei Jahre alt war.Zwischen dem ersten Aufenthalt und den zweiten liegen fünf Monate.

Nach dem Klinikaufenthalt hat sich Frau A recht stabil gefühlt, jedoch konnte sie zu Hause diesen Zustand nicht halten und es stellte sich relativ bald wieder eine depressive Grundstimmung mit Gedankenkreisen ein.

Müdigkeit, Schläfrigkeit und Konzentrationsstörungen sowie zunehmende Inaktivität erschwerten ihren Alltag.

Aus gestalttheoretischer Sicht drängt ein hoher Spannungszustand auf eine Lösung, also die Veränderung der Lage der Person im Lebensraum wird gefordert, “ zeitweilige oder dauerhafte Ausbruchstendenz aus einer

Situation mit zwei negativen Aufforderungscharakteren, zwischen denen die Person sich befindet."(vgl.Stützle-Hebel,2017, 35)

Das “bestmögliche Gleichgewicht“ also die Prägnanztendenzkann auch mit Problemen und Leiden verbunden sein, so wie im dargestellten Fall einen Aufenthalt in einer Psychiatrie verursachen.Therapeutisch wird dadurch eine Suchbewegung in Gang gesetzt nach einem besseren, konstruktiven Gleichgewicht. (vgl. Zabransky , 2018, 139-140)

Eine Psychose scheint auf eine paradoxe Art und Weise eine kurzfristige Entlastung von schwierigen familiären oder sozialen Beziehungen zu seinund als ein Ausstieg aus der momentanen Lebenswelt gesehen werden, hin zu einem lebbaren Zustand, auch wenn dies paradox erscheint. Die Art von Ersatzleistung in diesem Fall psychotisches Verarbeiten, bewahrt den betroffenen Menschen an seiner Umgebung und deren Anforderungen zu zerbrechen. Der Realitätsverlust kann ein Ausweg aus einem scheinbar unlösbaren Dilemma sein.

Dorothea von Haebler ist Ärztin und Psychotherapeutin. Sie arbeitet seit vielen Jahren mit Menschen,die an Psychosen leiden und ist Vorsitzende des Dachverbands deutscher Psychosenpsychotherapie.

Den Grund für eine Psychose sieht Haebler in einem Dilemma, das der Patient, die Patientin nicht lösen kann. Eine Art Hin- und Her-Gerissen sein zwischen zwei Intentionen oder Kräften.(Stützle-Hebel, Klaus Antons,2016, 26-33)

Dr. Haeblervertritt die Meinung, dass es bei der Psychose darum geht zu verstehen, wozu dieser Realitätsverlust dient, dafür gibt es einen Grund. Die Therapeutin muss im Prinzip das Dilemma der Klientin erkennen und mit bearbeiten.

Medikation kann begleitet extrem hilfreich sein, um die Symptome nicht überhandnehmen zu lassen, damit diese nicht handlungsleitend sind. Ein Beispiel aus ihrer Erfahrung: Oft leiden einsame Menschen an Verfolgungswahn.(vgl.Günter Lempa, Dorothea von Haebler et al., 2016, 55-73/79-89)

Goldstein stützt das Urteil Krankheit auf die Konstatierung eines eigenartig veränderten, eines “ungeordneten” Verhaltens. Auf die Konstatierung von Reaktionsweisen, die in das Gebiet der Katastrophenreaktion gehören. Goldstein unterscheidet die Katastrophenreaktion, als der Tendenz zur guten Gestalt, entgegengesetzte Kraft.

Der Kranke erlebt zuerst das Kranksein in einer Grundveränderung seines Verhaltens zurUmwelt, in Unsicherheit und Angst- diesen Erscheinungswesen katastrophaler Reaktionen. Die Katastrophenreaktion, die mit massiven Angstzuständen und vegetativen Entgleisungen einhergeht, ist eine extreme Form der Dezentrierung und des Gestaltverlustes, schöpferische Leistung oder Situationsbewältigung sind dabei unmöglich. Die Tendenz zum ausgezeichneten Verhalten oder Prägnanztendenz, stellt eine ganz bestimmte Form der Auseinandersetzung von Organismus und Welt dar, nämlich die, in der der Organismus sich am besten seinem Wesen entsprechend verwirklicht.(vgl. Goldstein 2014,236-248)

Bei Frau A zeigte sich im Therapieverlauf, dass sie Konflikten und Auseinandersetzungen eher aus dem Weg geht, und ein großes Harmoniebedürfnis vorliegt. Für ihre Kinder wollte sie eine gute Mutter sein, im Job neigte sie dazu perfekt sein zu wollen, es allen recht zu machen. Es zeigte sich eine Abgrenzungsproblematik.

Die durchwegs belastenden Situationen, wie der Hausbau und die Pflege des eigenen Vaters, der an Krebs erkrankte, bettlägerig war und dann starb, brachte sie an ihre physischen und psychischen Grenzen.

Die Beziehung zu ihrer Mutter beschreibt Frau A als distanziert und eher kühl und stellte keinen protektiven Faktor da. Ihre Arbeit war sehr fordernd und brachte oft nicht die gewünschten Erfolge, dadurch erhöhte sich ihr Anspruchsniveau weiter.

Frau A´s Leidensdruck steigt zunehmend, der Versuch sich diesem zu entziehenmündet in einem Verhältnis zu einem fremden Mann, dies führt zusätzlich zu massiven Schuldgefühlen. Es kann Vermutet werden,dass die inneren Bedingungen außer Acht gelassen wurden und somit die äußere Veränderung nicht den erhofften Zustand herbeiführte.

Diese Verdichtung von belastenden Lebensumständen ist für Frau A nicht länger lebbar.Wer längere Zeit verzweifelt ist, ohne Halt und Trost zu finden, wer seine Gefühle nicht mehr mitteilen kann und sie nicht mehr aushält, kann depressiv oder, wenn er die Flucht nach vornegreift, manisch werden.Entsprechend verändert sich die Art, Ding und Personen um sich herum wahrzunehmen. Die Gedanken werden sprunghaft, probierend und weniger logisch.Dauert dieser Zustand an, sprechen wir von Psychose.

Schlussfolgerung

Im Fallbeispiel von Frau A ist erkennbar, dassdas “bestmögliche Gleichgewicht“, also die Prägnanztendenz ihren Ausdruck in einer Psychose findet.

Die Aufgabe der TherapeutIn ist gemeinsam mit ihrer KlientInnen die der Präganztendenz hinderlichen Erscheinungen aufzuspüren, Barrieren bewusst zu machen, und somit für die KlientInnen ein besseres, konstruktives Gleichgewicht anzuregen um zu einer Gestalt höherer Ordnung ohne Leid oder zumindest mit weniger Leid zu kommen.

Erst durch die Psychose, und den damit verbundenen Ausstieg in eine andere Realität, war es der KlientIn dann letztlich möglichsich in der Therapie mit ihrer Situation auseinanderzusetzen.

Sie konnte den aufgestauten und unausgedrückten Gefühlen Ausdruck verleihen diese zulassen und benennen. Es war ihr möglich über den Tod ihres Vaters zu reden und Trauer nachzuholen.Auch die Überforderung mit den drei Kindern, das Verhältnis zu ihrer „kühlen“ Mutter, dem Hausbau, der Beziehung mit ihrem Mann und das Verhältnis mit einem anderen Mann, sowie der Druck und die eigenen Anforderungenan ihrem Job als Sonderpädagogin mit behinderten Kindern war Thema in der Therapie.Allmählich verschwanden dadurch auchdie psychotischen Symptome. Die Psychose war so betrachtet nicht mehr nötig, um ein Gleichgewicht aufrecht zu erhalten.

Nach gestalttheoretischer Sicht ist die Aufgabe der Therapeutin einen Raum “schöpferischer Freiheit” zu schaffen, um die Kräfte der “Tendenz zur guten Gestalt” wirksam werden zu lassen.

Dazu ist es notwendig den Menschen in seiner Gesamtsituation ganzheitlich zu betrachten. Die gegenwärtige leiblich-seelische Verfassung, die Bedürfnislage, Einstellung und Haltung des Subjekts, ebenso wie seine Vorgeschichte, seine bisherigen Schicksale, seine “Erfahrungen, als die Gesamtheit dessen, was er bisher gelernt, eingesehen und geübt hat gehören dazu.”(vgl. Wolfgang Metzger 1986, 132)

Literaturverzeichnis:

 

*Goldstein, Kurt.(2014):Der Aufbau des Organismus.Paderborn: Wilhelm Fink Verlag

  • Lempa, Günter. von Haebler, Dorothea. Montag, Christiane.(2017):Psychodynamische Psychotherapie der Schizophrenien 2.ORT: Psychosozial-Verlag.

*Metzger, Wolfgang. (1986). Gestalt-Psychologie. Ausgewählte Werke aus den Jahren 1950 bis 1982. Frankfurt: Waldemar Kramer

*Stützle-Hebel, Monika. Antons, Klaus. (2017):Einführung in die Praxis der Feldtheorie. Heidelberg:Carl-Auer Verlag GmbH

*Walter, Hans Jürgen. (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Opladen: Westdeutscher Verlag.

*Walter, Hans Jürgen. (1996): Angewandte Gestalttheorie in Psychotherapie und Psychohygiene.Opladen: Westdeutscher Verlag#

*Zabransky, Dieter, Wagner-Lukesch, Eva. Stemberger, Gerhard. Böhm, Angelika. (2018): Grundlagen der Gestalttheoretischen Psychotherapie. In: M. Hochgerner et al. (Hrsg.) Gestalttherapie. 2. erw. Auflage. Wien: Facultas, 132-169.

 

Angaben zu den Autorinnen

Hannemann, Nina, (geb. 1978). Gestalttheoretische Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision tätig im Verein “Grüner Kreis” in Niederösterreich. Dipl. Sozialpädagogin, Mal-und Gestaltungstherapeutin, Dipl. Lebens-und Sozialberaterin.

Natalija Jurkovic Brandauer, gestalttheoretische Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision. Dipl. Sozialpädagogin, tätig in einer therapeutischen Mädchenwohngruppe des SOS-Kinderdorfes.

Eleonore Tanzer (geb. 1967) Gestalttheoretische Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision tätig in freier Praxis sowie bei “consentiv EAP”. Dipl.Lebens- und Sozialberaterin, Heilmasseurin.